Eine historische Erzählung von Norbert Göttler
1. Der Abschied
Der Abschied vollzieht sich, wie in bäuerlichen Familien seit Jahrhunderten üblich, steif und unbeholfen. Obwohl Martin in aller Herrgottsfrüh aufgestanden ist, findet er im Bauernhaus niemanden mehr an. Alle sind sie bei der Arbeit auf dem Hof. Er trinkt hastig einige Schluck Milch, stellt den Rucksack, den er gestern schon gepackt hat, vor die Haustüre und macht sich auf die Suche. Es ist Sommer, die Heuernte steht an. Im Stall stampfen die Kühe und wollen gefüttert werden. Seit Vaters Erkrankung führt der ältere Bruder das Regiment. Ein barsches Regiment. Zu viel Arbeit und zu wenig Arbeitskräfte in diesem Kriegsjahr 1944. Zusammen mit zwei unverheirateten Schwestern und einem polnischen Zwangsarbeiter muss er alle Arbeiten verrichten, die an einem so großen Hof anfallen. Die Mutter, eine hochgewachsene und schweigsame Frau, ist mit dem Haushalt und der Pflege ihres Mannes ausgelastet.
Martin ist siebzehn Jahre alt. Ein Nachzügler nach sieben Geschwistern, verträumt, schmächtig, nur einen Meter und fünfundfünfzig Zentimeter groß und 45 Kilogramm leicht. Denkbar ungeeignet für die schwere Bauernarbeit. Dennoch hat sich niemand Gedanken gemacht, was aus ihm werden sollte. „Ein Pfarrer wird´s wohl nicht!“, hatte einmal der Kaplan zu Martins Vater gesagt. „So kleine Messgewänder gibt’s gar nicht. Aber vielleicht ein Klosterbruder? Vielleicht ein Kapuziner? Die nehmen´s nicht so genau mit der Körpergröße und der Gelehrsamkeit.“ Aber auch daraus war nichts geworden. Seit sechs Jahren, seit er aus der Volksschule entlassen wurde, arbeitet Martin nun schon als billige Hilfskraft auf dem Hof. Viel zu anstrengende Tätigkeiten im Stall und auf dem Feld, besonders zu Erntezeiten. Er bekommt viele Schimpfworte zu hören. Nur mit den zwei Pferden hat er sich angefreundet, und wenn es ein Fohlen gibt, einen „Heissen“, wie man sagt, ist das der Höhepunkt des Jahres. Da verbringt er Tage und Nächte bei der trächtigen Stute. „Heissnpassn“ nennt man das.